Römische Geschäftemacherei

Bei den Römern ging selbst der Kaiser dorthin nicht allein. Die Latrine war bisweilen ein luxuriöser Ort des Plauderns und Verhandelns.

 Ephesus Latrinen

Die Frage ist sprachhistorischer Natur und zielt auf die Herkunft des Geschäfts – und zwar des großen und des kleinen. Die Antwort darauf, so ist mancherorts zu lesen, finde sich bei den Römern. Dort nämlich sei die Toilette kein stilles Örtchen gewesen, sondern vielmehr ein öffentlicher Raum, wo man sich in geselliger Runde erleichterte und eben auch das eine oder andere lukrative Geschäft abschloss. Wer eine dieser latrinae besuchte, wollte nicht für sich sein, sondern unter seinesgleichen. Scham gab es nicht – »Naturalianon sunt turpia«, notierte Vergil (70 – 19 v. Chr.): Was natürlich ist, kann nicht schändlich sein. Und so boten die römischen Bedürfnisanstalten denn auch Platz für mehrere Dutzend Kunden, die sich auf steinernen und mit Schlitzen versehenen Bänken niederließen. Dabei saßman so eng beieinander, dass sich zwei Nachbarn ohne Weiteres leise flüsternd unterhalten konnten. Zumindest die wohlhabenden Römer genossen ein sanitäres Niveau, wie es bis dahin, aber auch lange, lange danach unbekannt war. Die meisten öffentlichen Toiletten verfügten über fließendes Wasser, das die Hinterlassenschaften über ein ausgefeiltes Abwassersystem, deren Hauptkanal die Cloaca maxima war, schließlich in den Tiber spülte.

Die antiken Prachtlatrinen glichen Wellnesstempeln, waren aus feinstem Marmor gebaut und in ihrem Inneren nicht selten mit farbenfrohen Mosaiken ausgestattet. Wie Richard Neudecker vom Deutschen Archäologischen Institut berichtet, waren mitunter auch nützliche Ratschläge weiser Männer an die Wände gemalt. In der Latrine von Ostia etwa empfahl der kluge Solon aus Athen, man solle sich den Bauch massieren, um den Stuhlgang zu erleichtern. Thales von Milet hingegen riet, bei hartem Stuhl fest zu drücken, während Chilon von Sparta darum bat, leise zu furzen. Doch wer in solch feiner Anstalt austrat, musste über das nötige Kleingeld verfügen. Für die meisten der in Rom lebenden Menschen – im 4. Jahrhundert hatte die Metropole über eine Million Einwohner – waren die wenigen hundert öffentlichen Latrinen unerschwinglich. Weil auch die meisten Mietshäuser ohne Wasseranschluss waren, blieb dem gewöhnlichen Volk somit nur der Nachttopf. Der musste an zentralen Sammelstellen entleert werden, von wo Sklaven die festen Bestandteile als Dünger zu den Bauern im Umland brachten. Mancher entsorgte seinen Unrat aber aus Bequemlichkeit auch schlicht durchs geöffnete Fenster – weshalb der Satirendichter Juvenal (um 65 – etwa 130 n. Chr.) seinen Mitbürgern empfahl, vor dem nächtlichen Spaziergang das Testament zu machen. Kein Abfall, sondern wertvoller Stoff war der Urin. So empfahl Plinius der Ältere (23 – 79 n. Chr.) ihn fürs Zähneputzen. Während sich der Kampf gegen Karies allerdings leicht mit der Eigenproduktionbestreiten ließ, benötigten die Waschsalons jener Zeit das abgeschlagene Wasser gleich bottichweise. Weil die Seife noch nicht erfunden war, wuschen die Tuchwalker – die fullones – die Baumwolltuniken ihrer Kundschaft nämlich in einem zum Himmel stinkenden Sud aus abgestandenem Urin, Essig und sonstigen Ingredienzien.

Das gelbe Nass war so begehrt, dass überall öffentliche Pisspötte aufgestellt waren und Kaiser Vespasian (9 – 79 n. Chr.) sogar eine neue Einnahmequelle witterte. Schließlich erhob er eine Pissoirsteuer, die er angeblich mit den Worten »Pecunia non olet« rechtfertigte: Geld stinkt nicht. Während die Unterschicht mit dem Nachttopf vorliebnehmen musste, sich der Mittelstand im öffentlichen Klo traf, genossen die oberen Zehntausend das Privileg, über eigens dafür zuständige Sklaven zu verfügen. Diese brachten, wenn es drückte, auch mitten im schönsten Gelage das Nachtgeschirr und griffen abschließend zum wassergetränkten Schwamm.

So viel Vergnügen bei der Verrichtung der Notdurft hatten wohl nur die Römer. In Griechenland etwa machte man seit jeher lieber in den eigenen vier Wänden als in Gesellschaft. Immerhin schätzten die alten Ägypter – denen es ja im Jenseits an nichts mangeln sollte – den Nachttopf auch als Grabbeigabe. Ziemlich schick schiss es sich auch auf Kreta – und zwar schon seit Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. Aber die ältesten Toiletten überhaupt fanden sich natürlich – ex oriente lux – in Vorderasien und Indien. Wie Daniel Furrer in seinem Buch »Wasserthron und Donnerbalken« schreibt, gab es im Industal schon in der Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. »die ersten Sitztoiletten im westlichen Stil«. Nun ist ein sauberes Klosett das eine, ein sauberer Popo hingegen etwas anderes, weshalb hier auch ein kurzer Blick auf die Geschichte des noch ziemlich jungen Toilettenpapiers geboten scheint. Ob der bereits erwähnte Schwamm der Römer oder die eingeweichten Maiskolben südamerikanischer Kulturen – bis zum dreilagigen und reißfesten Soft-Tissue war es ein langer Weg. Die nomadischen Völker im Orient etwa behalfen sich mit dem, wovon sie am meisten hatten: Sand. Die Griechen griffen zu Steinen und Schabern aus gebranntem Ton. In Germanien benutzte man Stroh oder Laub – oder die bloße Hand.

Weil die Chinesen schon vor zweitausend Jahren das Papier erfanden, hätte bei ihnen der Gebrauch desselben auf dem Abtritt eigentlich auf der Hand gelegen, doch nutzte man es lediglich für kluge Schriften (Abenteuer Archäologie 3/2004,S. 68).

– Joachim Schüring

2 Gedanken zu “Römische Geschäftemacherei

  1. Lala

    Naja.Früher ging es ja nicht anders.
    Aber ich finde es irgendwie ekelhaft.
    Da kann man sich beim,,großen“und beim,,kleinen“
    Geschäfft beobachten.

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